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Logistik und Beteiligung

Quelle: LOG-IT Club e.V.

Logistikzentren werden häufig mit viel Lärm und einem hohen Verkehrsaufkommen assoziiert – ein Ruf unter dem die Branche zu leiden hat. Peter Abelmann ist Geschäftsführer des LOG-IT Club e.V. und als Clustermanager für das LogistikCluster NRW tätig. Im Interview erklärt er, wie wichtig Bürgerbeteiligung für Logistikunternehmen ist und worin die größten kommunikativen Herausforderungen liegen.

Zahlreiche Unternehmen und Investoren, die in Europa Fuß fassen wollen, zieht es nach NRW. Was zeichnet Deutschlands führende Logistikregion aus?
In der Immobilienwirtschaft dreht sich alles um drei wichtige Faktoren: die Lage, die Lage und die Lage. Und genau diese zeichnet Nordrhein-Westfalen als Logistikregion aus. Denn zum einen verfügen wir über eine sehr gute Verkehrsinfrastruktur, zum anderen über eine sehr gute Erreichbarkeit der Menschen. Denn Logistik dient keinem Selbstzweck, sondern kommt stets bei der Ver- und Entsorgung ins Spiel. Insofern kommt Logistik besonders in Ballungszentren eine große Bedeutung zu. Aufgrund der hiesigen Bevölkerungsdichte und der Anzahl der Menschen, die von Nordrhein-Westfalen aus erreicht werden können, sind wir als Logistikstandort in einer sehr privilegierten Lage.

Zu den Hauptaufgaben des LogistikClusters NRW zählt unter anderem eine Verbesserung des Branchen-Images. Worunter leidet ihr Ruf bislang?
Den Menschen außerhalb der Branche sind oft die Zusammenhänge zwischen ihrem eigenen Tun und Leben und ihrer Logistik-Subsumtion nicht klar. Viele assoziieren mit dem Begriff „Logistik“ lediglich einen dreckigen Lkw auf der Autobahn, den sie überholen müssen. Dabei vergessen sie, dass ihr täglicher Konsum Logistik erfordert. Wer gerne südafrikanischen Weißwein trinkt, muss sich darüber im Klaren sein, dass dieser von Südafrika hierhin kommen muss. Kurzum, unser modernes Leben beruht auf einer gut funktionierenden Logistik.

Ein Logistikzentrum in der Nachbarschaft – das wird gemeinhin mit Lärm, Verkehr und dem Bau großer Firmenhallen verbunden. Wie wirken Sie diesem Eindruck entgegen?
Moderne Logistikzentren erreichen Größenordnungen von über 100.000 Quadratmetern Lagerfläche. Natürlich führen diese Dimensionen dazu, dass es kleinräumig zu einer Ballung von Verkehr und damit einhergehendem Lärm kommt – und das nicht nur tagsüber. Denn Logistik funktioniert rund um die Uhr. So ist zum Beispiel die Nachtflugregelung am Flughafen Köln-Bonn sehr wichtig für den Güterverkehr, insbesondere für Express-Sendungen. Wenn ich möchte, dass meine Ware morgen beim Kunden in den USA eintrifft, muss sie über Nacht dorthin geliefert werden. Diese Zusammenhänge sind vielen Menschen nicht bewusst. Daher ist es wichtig, ein Verständnis für das Thema Logistik zu schaffen. Gemeinsam mit den sechs Industrie- und Handelskammern im Ruhrgebiet organisieren wir vom LogistikCluster NRW zum Beispiel regelmäßig den Wettbewerb „LogistiKids“. So vermitteln wir bereits Kindern im Vorschul- und Grundschulalter, wie das frische Obst in den Supermarkt und wie bestellte Waren zum Verbraucher gelangen.

Welche Rolle spielt dabei Beteiligung für Ihre Branche? Und wie stehen Logistikunternehmen einem Dialog mit Bürgern generell gegenüber?
Für viele Unternehmen ist das Thema Beteiligung absolut neu, aber es wird zunehmend wichtiger. Allein weil es in der vergangenen Zeit einige Logistik-Projekte gab, die auf den Widerstand der Bürger getroffen sind. Beispiele dafür sind die geplante Erweiterung des Zentrallagers der Firma Boss in Metzingen oder der Bau eines Logistikzentrums der Firma MTU in Salem am Bodensee. In beiden Fällen wurden die Vorhaben der Unternehmen über Bürgerentscheide gekippt. Zwar gibt es in Nordrhein-Westfalen keine Bürgerentscheide, doch Beispiele wie diese sind auch für hiesige Unternehmen relevant. Daher schauen Betriebe und Projektentwickler in solchen Fällen genau hin, um es bei der Umsetzung ihrer eigenen Vorhaben gar nicht erst so weit kommen zu lassen. Aus diesem Grund diskutieren wir das Thema Beteiligung in unserem Branchenkreis „Immobilien und Flächen“ bereits seit geraumer Zeit. Außerdem haben wir vom LogistikCluster NRW schon vor Jahren das „Ansiedlungshandbuch Logistik“ entwickelt. Das ist ein Leitfaden für den Dialog mit Bürgern.

Was sind die Grundpfeiler für einen gelungenen Umgang mit Bürgern?
Natürlich gelten für uns viele allgemeine Grundsätze, die bereits aus Beteiligungsprozessen in anderen Branchen bekannt sind. Jedoch sind diese für Logistikunternehmen nicht immer einfach umzusetzen. Denn wenn ich mich als Logistiker irgendwo neu ansiedeln will, dann liegt dem in der Regel der Auftrag eines Industrie- oder Handelsunternehmens zugrunde. Das bedeutet, es gibt einen drei- bis fünfjährigen Ausschreibungsprozess – dementsprechend kurz ist der zeitliche Horizont. Hinzu kommen weitere Faktoren, die das Ganze verkomplizieren, wie zum Beispiel das Hinzuziehen externer Projektentwickler. So kann es sein, dass ich im März den Auftrag bekomme, zum Ende des Jahres mit einem Neubau zu beginnen. Insofern ist die Zeitspanne, in der Beteiligung stattfinden kann, sehr begrenzt und stellt für Logistiker ein Problem dar.

Was sind die größten kommunikativen Herausforderungen für Ihre Unternehmen?
Ein Logistiker ist es nicht gewohnt, den Menschen zu erklären, was er tut – denn er ist Dienstleister. In der Regel gibt es einen Kunden, der weiß, was er will und mit dem tauscht er sich aus. Denn abgesehen von Zustellern, wie der Post oder Hermes, sind die meisten Logistik-Unternehmen im B2B-Bereich tätig und somit nicht an Bürgerkontakt gewöhnt. Daher tun sich viele Unternehmen in diesem Bereich schwer.

Was sind aus Ihrer Sicht die Hürden, an denen ein Dialog mit Bürgern und Anwohnern scheitern kann? Gibt es ein markantes Beispiel?
Da bisher noch kein Logistik-Projekt in NRW durch Bürgerbeteiligung gekippt wurde, ist das schwer zu sagen. Wenn wir uns jedoch  Verkehrsinfrastrukturprojekte anschauen, fällt mir direkt der Ausbau der Betuwe-Linie ein. Selbst die beste Bürgerbeteiligung trifft irgendwann auf diejenigen, die einen tatsächlichen Nachteil durch die Maßnahmen erfahren – und diese Menschen wird man nie überzeugen können. Doch häufig gibt es auch eine Vielzahl Unentschlossener, und die müssen früh angesprochen und offen über die Vor- und Nachteile des Vorhabens informiert werden.

Schließen wir mit einem Erfolgsbeispiel ab. Welches Projekt hat Sie in Hinblick auf eine gelungene Beteiligung nachhaltig beeindruckt?
Die Logistikansiedlung von IKEA und auch diejenige auf der Westfalenhütte in Dortmund sind aus meiner Sicht sehr erfolgreich gelaufen. Auch das, was von städtischer Seite an Informationen und „begleitender Musik“ an die Bürger gespielt wurde, hat dazu beigetragen, dass diese großen Logistikansiedlungen sehr reibungslos verlaufen sind. Das war meiner Meinung nach nur möglich, weil man die Bürger dabei von Anfang an stark  eingebunden hat.