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„Open Space“-Verfahren in Lüneburg

Quelle: Uwe Nehring

Im Lüneburger Stadtteil Kaltenmoor ist bereits seit fünf Jahren die Meinung der Bürgerinnen und Bürger im Rahmen eines „Open Space“-Verfahrens gefragt. Nachdem in den Vorjahren nur Kinder und Jugendliche ihre Ideen einbringen konnten, durften sich in diesem Jahr auch erstmals Erwachsene beteiligen. Weshalb sich die „Open Space“-Methode in Kaltenmoor besonders bewährt, erklärt Quartiersmanager Uwe Nehring im Interview.

Wie sind Sie auf die „Open Space“-Methode aufmerksam geworden?

Wenn es um konkrete Projekte ging, wurden die Kaltenmoorer auch vorher schon durch ein Bürgerforum miteinbezogen. Doch mir war das zu wenig, ich wollte die Bürgerinnen und Bürger an der allgemeinen Entwicklung des Stadtteils beteiligen. Vor fünf Jahren lernte ich dann Yaari Pannwitz kennen, der sich mit der „Open Space“-Methode beschäftigte. So kam ich auf die Idee, das Beteiligungsverfahren in Kaltenmoor mit Kindern und Jugendlichen auszuprobieren. 

Warum nicht mit Erwachsenen?

Erwachsene melden sich, wenn ihnen etwas nicht passt. Sie kommen zum Bürgertreffen, tragen ihr Anliegen vor oder rufen direkt beim Bürgermeister an – junge Menschen tun das eher nicht. Also habe ich die Kinder und Jugendlichen in die Aula der Integrierten Gesamtschule (IGS) eingeladen, um dort ganz locker im „Offenen Raum“ mit ihnen zu arbeiten.

Wie läuft ein „Open Space“-Verfahren ab?

In der ersten „Open Space“-Runde darf jeder sein Anliegen vorbringen, indem er es an eine Pinnwand heftet. Im zweiten Durchgang setzen sich die Anwesenden in Arbeitsrunden zu den verschiedenen Themen zusammen und protokollieren ihre Ergebnisse, sodass sie hinterher jeder nachlesen kann. Am zweiten Tag schauen wir dann gemeinsam, welche der Anliegen das Zeug zu einem Vorhaben mitbringen. So kam beim ersten „Open Space“ zum Beispiel der Wunsch nach einem Kindercafé auf, das die jungen Vorhabenträger auch selbst verwalten wollten. Das war nicht einfach umzusetzen, da keiner von ihnen geschäftsfähig war. Doch wir konnten es schließlich im Rahmen des Jugendzentrums ansiedeln, wo die Kinder bis heute einmal wöchentlich backen und die Gäste des Cafés selbst bedienen. 

Im vergangenen März haben Sie die Veranstaltung erstmals auch für Erwachsene geöffnet. Wie wurde das angenommen?

Von den 9.500 Einwohnern des Stadtteils haben rund 40 teilgenommen. Das klingt nicht gerade viel, doch bei einer „Open Space“-Veranstaltung gilt: die Anwesenden sind die Richtigen. Einige haben mich vorab angerufen oder mir ihr Anliegen per Mail geschickt. Aber das ist nicht der Sinn der Sache. Wer sich einbringen will, muss auch teilnehmen, sonst funktioniert die Methode nicht. Schließlich sollen die Vorhabengruppen, die sich beim „Open Space“ zusammentun, im Anschluss auch weiter zusammen arbeiten. Es geht nicht darum, bloß seine Wünsche vorzutragen, sondern auch an deren Umsetzung mitzuwirken.

Was sind die Vorteile der „Open Space“-Methode?

Sie verhindert das Wunschzetteldenken, da die Bürgerinnen und Bürger an den Ideen und Veränderungen mitwirken müssen. Beteiligung ist mehr als das Vorbringen von Wünschen. Die „Open Space“-Methode fordert die Menschen dazu auf, selbst Hand anzulegen. Daher sind die Teilnehmenden auch immer die Richtigen – denn wem es bereits zu viel ist, sein Anliegen selbst vorzutragen, der wird auch nicht genug Motivation mitbringen, das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Die Methode funktioniert nach dem Prinzip der Bienen: Die Teilnehmenden können sich bei verschiedenen Arbeitsgruppen inhaltlich einbringen und von Anfang an aktiv werden. Das kommt besonders Kindern und Jugendlichen entgegen, die solche Arbeitsmethoden bereits aus der Schule kennen.

Worin liegen die Herausforderungen des Verfahrens?

Auch ein „Offener Raum“ benötigt Strukturen sowie eine Person, der die Methode verinnerlicht hat und die Zügel in der Hand behält. Der Moderator muss dafür sorgen, dass der rote Faden der Veranstaltung sichtbar bleibt und die Teilnehmenden sich nicht in Details und dabei die Lust verlieren. Dazu gehört auch eine Dokumentation, die im Anschluss allen zugeschickt wird, damit sie einen Überblick bekommen, was sie in den zwei Tagen erarbeitet haben.

Was hat die erstmalige Teilnahme von Erwachsenen in diesem Jahr für die Kinder und Jugendlichen verändert?

Im Nachhinein war es die richtige Entscheidung, mit den jungen Menschen anzufangen. Denn wenn Erwachsene sich ein Terrain erst mal erobert haben, ist es für Kinder und Jugendliche oft schwer, sich einen Platz in deren Reihen zu erkämpfen. In diesem Fall war so, dass manche von ihnen bereits im Alter von acht Jahren an ihrer ersten „Open Space“-Veranstaltung teilgenommen haben. Nach fünf Jahren gehörten sie also schon zu den alten Hasen, die den Erwachsenen erklären mussten, wie „Open Space“ funktioniert. Das hat sie sehr gestärkt. Daher waren auch die Kinder und Jugendlichen die ersten, die mit dem Zettel nach vorne getreten sind und gesagt haben, was geändert werden muss. Die Erwachsenen haben erst mal zugeguckt.

Wie weit gingen die Anliegen von Kindern und Erwachsenen auseinander?

Das Interessante ist, dass die Kinder und Jugendlichen sich bereits in den Jahren zuvor Themen angenommen haben, die man nicht unbedingt ihrer Altersgruppe zuordnen würde. Einmal ging es zum Beispiel um eine Fußgängerampel, deren Grünphasen zu kurz waren. Die Kinder bekamen im Alltag mit, dass das ein Problem für ihre Großeltern darstellte, die mit dem Rollator nicht rechtzeitig auf die andere Straßenseite kamen. Also brachten sie das Thema im „Open Space“ zur Sprache. Aufgrund einiger großer Wohnanlagen hat der Stadtteil auch immer wieder mit einem Müllproblem zu tun – auch das ist ein Thema, das Kinder wie Erwachsene gleichermaßen stört.

Welchen Tipp möchten Sie anderen Vorhabenträgern mit auf den Weg geben, die sich für die „Open Space“-Methode entschieden haben?

Seien Sie mutig und lassen Sie sich nicht von denen verunsichern, die nicht kommen! Bei uns gab es in diesem Jahr 18 Anliegen von 40 Teilnehmern. Am Ende sind daraus acht Vorhabengruppen entstanden – zehn der Anliegen sind auf der Strecke geblieben. Auch das müssen die Teilnehmenden aushalten können, denn nicht jedes Anliegen findet Mitstreiter und wird weiter verfolgt. Doch die meisten schließen sich in dem Fall einfach einer anderen Gruppe an. 

Weitere Informationen zur „Open Space“-Methode können Sie hier downloaden.